UNLOADED – Coming Up For Air

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Konzept

Mit dem Ende des Kalten Krieges war die Armee gezwungen, Zweck und Funktionen zu hinterfragen. Die neue Weltordnung nach dem Mauerfall und das Wegfallen der Bedrohung eines Angriffes im Kreuzfeuer zwischen Ost und West haben eine Reform der Militärpolitik notwendig gemacht. Diese Reform – übrigens immer noch im Gange – betrifft das Wesen der Armee selbst, und nimmt folglich auch auf deren Infrastrukturen Einfluss. Die neue strategische Situation hat wahrhaftig eine ganze Reihe von militärischen Konstruktionen (Bunker, Forts, "Toblerone“, usw.) obsolet, “unwichtig” werden lassen. Die Armee hat diese degradiert – im Militärjargon “deklassifiziert” – und zieht nun u.a. mit ihrem Verkauf neue Nutzungen für sie in Betracht.

Genannte Strukturen sind aber mehr als rein militärische Bauten: Es sind Symbole.

In Kürze lässt sich die Grundidee von ArtBunker – Verein folgendermassen formulieren: Ende Sommer 2002 (7./8. September) realisieren wir eine Veranstaltung für zeitgenössische Kunst, die als Parcours zwischen verschiedenen dieser militärischen Anlagen in Oberschan (Gebiet Werdenberg in der Nähe von Sargans) organisiert sein wird. Diese Veranstaltung, deren Ausstellungstitel Unloaded – Coming Up for Air ist, versteht sich als eine provisorische Besetzung durch Kunst von historisch stark geprägten Räumen, und ist der Idee der “Temporary Autonomous Zone” (T.A.Z.) nachempfunden. Diese konkrete T.A.Z. (vgl. Hakim Bey, 1985/91) soll eine intellektuelle und künstlerische Auseinandersetzung mit Themen der Geschichte, der (Un-)Sicherheit, des Krieges und des Funktions-/ Bedeutungsverlustes anregen. Künstler aus dem In- und Ausland (siehe beiliegende Liste) sind für diese Veranstaltung engagiert, und werden spezifische Arbeiten entwickeln.

Der Titel Unloaded - Coming Up for Air spielt mit der Situation der Ausstellungsorte und ihrer symbolischen Inhalte: Im ersten Teil des Titels geht es darum, dass betroffene Militärstrukturen im realen wie im übertragenen Sinne “entladen” sind. Einerseits werden sie nicht mehr für militärische Zwecke bzw. als Abschussrampe für geladene Waffen gebraucht, andererseits impliziert dieses Brachliegen auch ein sinnstiftendes Moment. Mit “Brachliegen” ist aber nicht nur das Wegführen vom Alten hin zu etwas Neuem gemeint, sondern in unserem Zusammenhang vor allem einen Augenblick des Übergangs. Wir haben nicht den Anspruch, neue Nutzungsmöglichkeiten für Bunker vorzuschlagen (allenfalls zu suggerieren): Den Künstlern und uns geht es vielmehr um die Reflexion über den aktuellen Zustand dieser Orte. An dieser Stelle ist es interessant, sich Henry Fords Aussage “History is more or less bunk” (Chicago Tribune, 1916) kritisch vor Augen zu führen. Dabei braucht dieser das Wort “bunk” im Sinne von “unehrlichem und absurdem Gerede” – etymologisch auf die 1845 vom Kongressabgeordneten Felix Walker gehaltene Rede zurückzuführen, welche durch ihre beeindruckende Langeweile in die Geschichte einging. Es geht uns allerdings weniger darum, die Aussage des Industriellen zu revidieren, als viel mehr um die mögliche Analogieherstellung zwischen dem, was dazumal den Industriebauten im allgemeinen bzw. den Autofabriken in Detroit im besonderen und heute den Bunkern widerfährt.

Der zweite Teil bezieht sich auf George Orwells Buch “Coming Up for Air” (D: “Auftauchen, um Luft zu holen”, 1939). Dabei ist weniger die konkrete Handlung als Orwells Kritik an einer durch Krisenerfahrung brutalisierten Gesellschaft von Interesse. Weiter ist im Titel die Vorstellung enthalten, aus einem Bunker zu kommen und mit Erleichterung in die grosszügige Berg-Landschaft zu blicken – ein Hinweis auf das physisch spürbare Spannungsverhältnis zwischen Technik (im Bunker) und Natur (ausserhalb des Bunkers).

Der Aspekt des Transitorischen– im Kontext mit der vermuteten Unzerstörbarkeit eines Bunkers – ein konzeptuell vielversprechender Ausstellungsinhalt. Wie schon angedeutet, wird die Veranstaltung als kleiner Wanderpfad zwischen mehreren Anlagen in einer alpinen Region angelegt sein. Der Mythos der “Schweiz als Réduit” liest sich konkret auf der Landkarte ab: Die Réduit – Grenze umkreist das geografische Herz der Schweiz. Im Projekt spielt die Wahl der Region und der militärischen Strukturen, in denen die Kunstwerke realisiert werden sollen, eine zentrale Rolle: architektonisch interessante Objekte, die aber auch militär-strategisch eine ablesbare Bedeutung hatten. In dieser Weise werden die künstlerischen, historischen und didaktischen Dimensionen von Unloaded - Coming Up for Air nochmals gesteigert. Im Verlauf unserer Recherchen und Besichtigungen hat sich die Wahl eines optimalen Standortes konkretisiert: Es stehen uns nun sechs Bunker auf der sogenannten “Alvier”-Linie in Oberschan zur Verfügung.

Wie bereits erwähnt, haben Bunker und Festungen eine symbolische Bedeutung, die eine inspirierende Quelle für die Künstler sein kann. Es sind vier Ebenen in ihrer strategischen Funktion für die Schweiz auszumachen: Die Dimension der Neutralität, die Dimension der Unabhängigkeit, die Dimension der Dissuasion und die Dimension der Kohäsion. Die Bunker sind folglich geeignet, eine Diskussion zu Fragen der Abgrenzung und Identität im internationalen Kontext anzuregen. Gegenwärtig sind sie allerdings zu erstaunlichen Anachronismen mutiert: Für die Ewigkeit konzipiert, haben sie nun keine tragende strategische Bedeutung mehr. Dazu sind sie militärische Wahrzeichen des Wunsches nach Frieden. Die Vielschichtigkeit der Inhalte, welche die Bunker selbst bereits aufweisen, sind – so die Grundidee von Unloaded - Coming Up for Air – ein interessantes Handlungsfeld für die Entwicklung künstlerischer Projekte. Hier kann ein Boden für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen internationalen und nationalen Künstlern geschaffen werden, welche sich beispielsweise durch die gemeinsame Gestaltung eines Bunkers ausdrücken lässt. Vor dem Hintergrund, dass Bunker ihre Funktion als nationales Geheimnis verloren haben, haben wir aus konzeptuellen Überlegungen Künstler aus dem In- und Ausland eingeladen. Wir stellen uns vor, dass die Teilnehmer "site specific“ Kunstwerke unterschiedlicher Gattungen realisieren können, obschon Installationen bevorzugt werden. Einen grossen Einfluss auf die Kunstwerke werden die architektonischen Charakteristika der Militärstrukturen haben, aber auch die geografische Lage und historische Hintergründe dürften einen suggestiven Einfluss auf die künstlerische Umsetzung einnehmen.

Die Idee für diese Veranstaltung hat sich im Laufe der letzen zwei Jahre herauskristallisiert. Das ursprüngliche Projekt sah eine klassische Form der Ausstellung von zeitgenössischer Kunst in den Bunkern vor. Dann sind wir aber auf unvorhergesehene Umsetzungsschwierigkeiten gestossen. Einerseits sind diese auf historische Ereignisse zurückzuführen (Stichwort: 11. September und der daraus folgende internationale Alarmzustand), andererseits sind sie mit der implizit von uns ausgeübten Institutionskritik zu erklären. Wir sahen uns daher gezwungen, eine neue Art von Veranstaltung zu entwickeln. Diese kann als eine Art experimentelle Form von Kunstausstellung gesehen werden. Sie soll ein “kulturelles Werkzeug” für die Auseinandersetzung mit Themen sein, die eine breite Öffentlichkeit interessieren: Krieg und das allgemein verbreitete Unsicherheitsgefühl, oder die Umnutzung und die Neudefinition von Machtstrukturen, die den Alltag und die Landschaft prägen, um nur diese zu nennen. In diesem Sinne ist eine Veranstaltung von performativem Charakter eine geeignetere Form für die Realisierung – dank der ihr charakteristischen Flexibilität und schnellen Reaktionszeit. Wir sehen es als unsere Aufgabe, eine Art Diskussionsplattform zu schaffen, in der Kunstwerke und Performance als Diskussionsbasis dienen können. Konsequenterweise kann man Unloaded - Coming Up for Air auch als eine Art Workshop – Ausstellung betrachten, in der das Publikum durch interdisziplinäre Panels mitwirken und mitdenken darf. Das militärhistorische Museum Fort Magletsch, das sich in der Nähe der Alvierlinie befindet, fungierte im Vorfeld als interessanter Gesprächspartner für den Unloaded - Coming Up for Air-Verein. Diese Institution bietet nach wie vor eine inhaltsreiche didaktische Ergänzung zum Event, und erlaubt in bezug auf Unloaded – Coming Up for Air interessante Fragen zur Museumspolitik, oder allgemeiner gesprochen zur Museologie zu stellen. Folglich empfehlen wir den Besuchern der Ausstellung auch eine Besichtigung des Museums Magletsch.

Obwohl das Konzept des "Réduit“ ein Handlungsinstrument des II. Weltkrieges darstellt, hat sich der Mythos des Sonderfalls bis lange in die Nachkriegszeit gehalten. In der Schweiz war die Kultur des Kalten Krieges besonders prägend. Im europäischen Kontext haben die Furcht vor einer Roten Invasion sowie eine starke wirtschaftliche Integration das Gleichgewicht zwischen Ost und West einerseits stabilisiert, andererseits aber auch die Angst vor einem potentiellen Krieg konsolidiert – ein solcher, der sich heute in dem Sinne als “imaginary war” qualifizieren lässt, da ein solcher auf mentaler Ebene auch effektiv geführt wurde (Mary Kaldor, 1990). Die Landschaft spielt eine zentrale Rolle bei Unloaded - Coming Up for Air. Sie soll nicht bloss als Szenerie vorhanden sein, sondern ein wichtiges Element der Ausstellung darstellen: Erstens wird ein aktives körperliches Engagement des Besuchers durch die Wanderung gefordert, das aber durch die Schönheit der Gegend belohnt wird; zweitens dürfte Unloaded - Coming Up for Air ein wichtiger und neuer Gegenstand in der Diskussion über die Rolle der Kunst im öffentlichen Raum werden. Der Öffentlichkeitsgrad wird darüber hinaus durch die Brechung des Pseudo-Geheimnisses vom Réduit – das zur Zeit des Kalten Krieges strategisch genutzt wurde – in Verbindung mit der Teilnahme internationaler Künstlerpositionen noch gesteigert. Die Landschaft wird als Allgemeingut aufgefasst und ist vermutlich die grösste natürliche Ressource, die die Schweiz besitzt. Unloaded - Coming Up for Air versinnbildlicht das gemeinhin als spannungsreich wahrgenommene Verhältnis zwischen Natur (Berge) und Technik (militärische Anlagen). Insgesamt stellt Unloaded - Coming Up for Air durch die in der Landschaft “versunkenen” Bauten schon für sich selbst ein "Land art“ Projekt dar, welches eine neue und vielschichtige Lesart des Territoriums ermöglichen soll.

Die Wanderung gilt als ein traditioneller Weg der ‘quête’, ist aber auch ein viel verbreitete Freizeitbeschäftigung in der Schweiz. Mit der Idee der Wandergruppe soll Unloaded - Coming Up for Air als kollektive Erfahrung fungieren und damit einer Art Kunstwerkbetrachtung als gesellschaftliches Ereignis entgegenkommen. Natürlich wird damit auch eine gewisse ironische Anspielung auf das Leben in militärischer Kameradschaft gemacht. Eine Anspielung bewegt sich zwischen den gegensätzlichen Begriffen von Expedition und Sicherheit, welche in diesem konkreten Fall das Wandern und der Bunker verkörpern. Bedeutend ist dabei, dass sich die Besucher – Zielgruppe nicht auf ein kunstinteressiertes Publikum begrenzen darf, sondern, dank der Wander-Dimension, eine grössere Interessensgemeinschaft ansprechen dürfte. Unloaded - Coming Up for Air vereint eigentlich zwei typische Freizeitaktivitäten: Das Wandern und den Kulturausflug, die sich beide unter dem Überbegriff der Erholung fassen lassen. Den Besuchern wird hiermit ein Projekt geboten, das Kunst und Natur verbindet und bei welchem die Dimension der Pilgerschaft ein konstitutives Element ist. Es ist anzunehmen, dass Unloaded - Coming Up for Air seinen Beitrag zur neuen – nicht allein von Museen bestimmten – Kunsttopographie beitragen wird, die sich in den letzten drei Jahrzehnten abgezeichnet hat. Nichtsdestotrotz sind aber sowohl beim musealen "white cube“ als auch beim militärischen Bunker das Element des hermetisch Geschlossenen ein gemeinsames Element.

Unloaded - Coming Up for Air wird ein konkreter und provisorischer Ort der Reflexion sein, ein Ort, wo vergangene Ängste und aktuelle Ideen zusammentreffen, ein Ort, wo die Kunst das Imaginieren eines Krieges substituieren soll.

Giovanni Carmine und Catherine Hug, Mai 2002

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Künstler

Annelise Coste

No title, 2002
Poster, 1000 Ex.

Ein dicker Stapel Poster liegt am Boden. Darauf die in Pink und Schwarz gesprayte Aufschrift «PACIFIQUE OCÉAN»: eine Wortumstellung, welche den Ozean als friedliebenden Ort verstehen will. Im Kontrast zu diesem Bild ruft Coste die Erinnerung an die französischen Atomversuche auf Mururoa hervor. Damit stellt sie Kriegstechnologie einer idyllischen Traumlandschaft gegenüber.

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Christoph Büchel

Dummy, 2002
Auto, Holz, Erde, Steine, Lackfarbe

Auf einer Ebene zwischen den Bunkern, unweit der Landstrasse, ist ein grünes Schrottauto festgefahren. Umgeben von einem Wall aus Erde und Steinen steckt sogar ein Baumstamm in der Frontscheibe des Fahrzeugs. Man assoziiert mit dieser Materialansammlung einen Panzer.
Solche improvisierten Tanks, aus Altmetall aufgestellt, wurden u. a. im Balkan-Krieg als Attrappen benutzt und tatsächlich von teuren Bomben zerstört. Die alte Militärtaktik der Tarnung nimmt sich Büchel zu Hilfe und ironisiert dieses Kalkül, da von nahem der Panzer offensichtlich aus Schrottmaterialien besteht. Bezweckt wird eine provokative Gegenüberstellung des Dummy mit den Bunkern, welche mittlerweile ebenso leere, funktionslose Hüllen in der Landschaft sind. Hätten diese teuer errichteten Bunker im Ernstfall tatsächlich ihren Dienst als wirkungsvolle Dissuasion und Schutzstruktur geleistet?

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Costa Vece

Gli innocenti, erstmals in Porto 2001 ausgestellt
Künstliches Blattwerk, Draht

In einer von Tannen besetzten Landschaft befinden sich zwei Büsche. Ihre zum alpinen Ökosystem unpassende Erscheinung lässt einen Betrug erahnen. Manchmal bewegen sich die Büsche und zwei menschliche Beine kommen zum Vorschein. Die Blätter offenbaren sich als Tarnkostüme, wie in der guten alten Comics-Tradition. Vor den riesigen Tannen sind diese ein köstlicher Witz. Über militärische Strategien kann man auch lachen.

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The Long Voyage Home, 2002
Videoinstallation, DVD, Ton, farbig, Loop

In einer niedrigen Nische zeigt eine Videoprojektion einen Menschen in geduckter Haltung. Die Dunkelheit dominiert, nur ein Lichtstrahl beleuchtet dieses Wesen. Die Zeitlupe verzerrt seine Schreie zu tierischen Lauten.

Der Titel spielt auf den gleichnamigen Kriegsfilm von John Ford aus dem Jahr 1940 an. Costa Vece spekuliert über die mögliche Degeneration des menschlichen Verhaltens zum Affen, beim Zurückbleiben in einem Bunker. Die Einwirkung der Architektur auf die Person hat der Künstler als Akteur selbst in situ nachvollzogen.

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Fabrice Gygi

Molaire, 2002
20 mm dicke Eisenplatte, Lackfarbe, Kette

In einem dunklen Raum schwebt etwas Weisses. Man identifiziert dieses Objekt als einen Zahn in Piktogramm-Ästhetik. Nur ist die makellose Oberfläche des Zahns von einem Loch durchbohrt, das zugleich als Aufhängehalterung für die Kette dient.

Gygi operiert mit der kollektiven Vorstellung des ausgehöhlten Réduit-Alpenraums. Er setzt den von Karies befallenen Zahn als Träger eines Schädlings in Parallele zu den Alpen, die von unsichtbaren Militäranlagen durchlöchert sind. Welches Amalgam braucht man heute, um diese Löcher zu flicken?

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Gander / Nashat

New Blue Heritage, 2002
Tonanlage, 400 m Lautsprecherkabel, Lautsprecher, Gummimatte

Ein Unterstand ist zugerammt und lediglich ein schwarzer Verstärker steht dort. Blinkende LED-Lämpchen deuten darauf hin, dass er in Funktion ist. Nur hört man nichts. Ryan Gander und Shahryar Nashat spielen bewusst mit den Unklarheiten wie: Woher kommt die Energie für diese elektronische Box? Ist womöglich der Bunker eine Energiequelle, weil ein schwarzes Stromkabel hinter der verriegelten Tür verschwindet? Instinktiv schaut man, wohin das weisse Lautsprecherkabel führt, das aus der Anlage kommt. Es steuert einen über die Strasse einen Hang hinauf, so dass die Topographie des Umfelds im schweisstreibenden Aufstieg spürbar wird.
Schliesslich ist man auf einer Ebene angelangt und das Kabel verliert sich in kniehohen Büschen. Aus diesen dringen laute Geräusche: Vogelgezwitscher und das Wasserrauschen eines Flusses. Plötzlich hören diese aber auf und die Geräusche der Umgebung machen die Künstlichkeit dieser Situation deutlich. Die Künstler loten hier den Spielraum der Tarnung auf einer akustischen Ebene aus.

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Gianni Motti

Beuys Don’t Cry, 2002
Joseph-Beuys-Radierung, gerahmt, Taschenlampen, Bunker

Gianni Motti schickt den Besucher allein, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, auf Entdeckungstour in einen Bunker. Auf dieser Schatzsuche – erwartet wird ein Kunstwerk – trifft man auf eine gerahmte Grafik von Joseph Beuys, die eine Konstruktionszeichnung einer Ecke zeigt. Weiter ist der charakteristische blaue Künstlerstempel erkennbar.

Die Installation hinterfragt Bunker als Ausstellungs- und Aufbewahrungsort: Motti zeigt auf, dass der Bunker ein höchst unwirtlicher Standort für Kunst ist: Er ist dunkel und feucht, und die Kunst hat sich gegen eine dominante Architektur zu behaupten.

Das Wortspiel im Titel, «Beuys Don’t Cry», weist auf den Song «Boys Don’t Cry» (1980) von The Cure oder auf Kimberly Peirces Film von 1999 hin, v. a. handelt es sich aber um einen geflügelten Spruch. Ferner wird eine Anspielung auf den Künstlermythos Beuys und seine «militarisierte» Biographie gemacht.

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L/B

Flash, 2002
20 Autobahnblinklampen

Das regelmässige Pulsieren einer Lichtquelle führt über eine feuchte Handleiter in das Untergeschoss. An der Wand sind runde Lampen in einer doppelreihigen Pfeilspitze montiert. Die rhythmisch blinkenden Lampen kennt man von Autobahnen und sie signalisieren dort eine temporäre Situation. Das Künstlerpaar Lang und Baumann deutet damit auch auf die gegenwärtig undefinierte Situation der Schweizer Bunker hin, deren ungewisse Zukunft diskutiert wird.

Der Standort der Bunker wurde bis vor wenigen Jahren noch geheim gehalten, das Betreten von Unbefugten war nicht möglich, und das Fotografieren war durch Verbotsschilder untersagt. L/B machen gerade das Gegenteil: Sie führen die Besucher durch die blinkende Umleitung in das Untergeschoss eines Bunkers und machen ihn damit publik.

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Monica Bonvicini

Staub, 2002
Videoinstallation, DVD, Ton, farbig, 7 min. 37 sek., Loop. Musik: «Forgiven» von Curt Ralske und Operngesang von Marion Davies, Monica Bonvicini in Zusammenarbeit mit Jan Ralske

Das Video, aufgenommen in der Kaserne Magletsch in Oberschan mit Rekrutenschülern als Protagonisten, greift verschiedene Aspekte des Militärlebens auf. Die Kamera fährt Stollen in der unterirdischen Kaserne entlang. Einzelne Sequenzen werden eindringlich wiederholt, um damit die Monotonie und Klaustrophobie der Militär-Architektur zu vervielfachen. Zu dieser durchorganisierten Männerwelt wirkt der klägliche Gesang der gescheiterten Opernsängerin Marion Davies absurd. Ferner leisten die Akteure unsinnige Tätigkeiten: Zwei Rekruten legen sich in Gewehrreinigungswannen und spielen ein surrealistisches Versteckspiel: Richten sich auf und legen sich immer wieder hin, ohne dass es zu einem Ergebnis kommt. Weiter deuten die Bewegungsabläufe der Rekruten Homoerotisches an. Beispielsweise bindet einer, der eine venezianische Maske trägt, dem anderen die Krawatte.

Bonvicini bewegt sich mit diesem Video in dem von ihr immer wieder aufgegriffenen Spannungsfeld von Männlichkeit und der dazugehörigen Architektur. Im Untergeschoss eines Bunkers wird das Video zwischen authentischem Mobiliar projiziert: Feldbetten, Ersatzbirnen und Milchkacheln mit Schweizerkreuz. Das Video schien diesen engen Raum durch die Gangaufnahmen zu erweitern und wirklichen Raum mit unwirklicher Atmosphäre zu vermischen.

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Norma Jeane

Potlatch 8.1/Sustainable Underdevelopment (nachhaltige Unterentwicklung), 2002
Bunker mit acht Schlafplätzen, 5 m3 Steine, 15 m3 Aushuberde

Während der Ausstellung liess Norma Jeane Steine über die sichtbaren Betonelemente eines Bunkers stapeln und sicherte diese mit einem Eisengitter. Darauf kam in Handarbeit Erde, bis die Struktur völlig zugedeckt war. Im Lauf der Zeit wird Gras darüber wachsen und der Bunker wird in Vergessenheit geraten. Aber selbst wenn man den Bunker aus der Inventarliste des Militärdepartements streicht, wird die Lücke in jenem numerischen Verzeichnis seine Existenz offen legen. Zudem ist durch die Aufschüttung ein unnatürlicher Hügelzug entstanden, der den darunter liegenden Bunker entlarvt und seine Unauslöschbarkeit durch den fast unzerstörbaren Beton aufzeigt. Norma Jeane strebt in einem work in progress die Rückführung eines Bunkers in die Natur an. Sie betreibt damit eine umgekehrte Archäologie.

In diesen Potlatch wird mit Ironie das «Zerstören» eines öffentlichen Besitzes mit seiner unterirdischen Raumentwicklung verknüpft: ein nachhaltiger Lösungsvorschlag für die Bunkerökonomie.

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Olivier Mosset

Mennige/minio/minium, 2002
Acrylfarbe-Rostschutzgrundieren (rotbraun)

Die einstige Rostschutzgrundierung, genannt Mennige, in leuchtendem Orange, mit der die Decken der Bunker grundiert waren, hat sich unter der abblätternden Malschicht erhalten. In seiner Arbeit erneuerte Mosset diese alte Bemalung und benutzte dafür den heute erhältlichen rotbraunen Rostschutz. Der Farbauftrag ist unregelmässig und rasch erfolgt, gerade so, wie es die Farbe auch von der Funktion her fordert. Das steht ganz im Gegensatz zu Mossets Malereien, die sich durch eine flächige und homogene Struktur im Farbauftrag auszeichnen.

Mit der Bemalung greift er die Diskussion um Schutz und Sicherheit auf. Denn heute gilt die damals verwendete Rostschutzfarbe Mennige als giftig und ist aus dem Verkauf gezogen worden. Was einst Schutz bedeutete, muss dies Jahre später nicht mehr erfüllen. Dennoch erneuert Mosset die Farbe der alten Struktur und setzt das Material denkmalpflegerisch ein.

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Das Buch

Das Buch BUNKER : UNLOADED erschien ein Jahr nachdem die Ausstellung UNLOADED – Coming Up For Air in ausgemusterten Bunkern der Schweizer Armee in Oberschan im September 2002 stattgefunden hat. Es versteht sich nicht als Katalog, sondern möchte in gedruckter Form die Erfahrung dieser Ausstellung festhalten, ihre Stimmung wiedergeben und sie einem breiteren Publikum bekannt machen. Gleichzeitig will die Publikation zu einer Vertiefung und Analyse des Projektes beitragen.
Internationale Künstler haben neue Werke spezifisch für UNLOADED konzipiert. Sie haben sich mit schwierigen und historisch stark geprägten Räumen auseinandergesetzt und sich gleichzeitig im Kontext einer eindrücklichen Landschaft wiedergefunden. Andere haben weitere künstlerische und schriftstellerische Arbeiten zum Thema für dieses Buch zur Verfügung gestellt.

Beiträge von: Christoph Büchel, Monica Bonvicini, Annelise Coste, Fischli/Weiss, Ryan Gander und Shahryar Nashat, Christoph Flury, Norma Jeane, L/B, Gianni Motti, Olivier Mosset und Costa Vece.

Herausgegeben von: Giovanni Carmine, Catherine Hug, Edizioni Periferia
Gestaltung: Stuart Bailey (Amsterdam/Warsaw)

Texte: Giovanni Carmine und Catherine Hug, Alessandra Galasso, Tom Gnägi, Geraldine Ramphal, Peter Stamm, Podiumdiskussion mit / Panel discussion with Daniel Baumann, Regine Helbling Gerster, Thomas Knellwolf, Sabina Lang, Martin Lengwiler und Maurice Lovisa.

Sprachen/Languages: Deutsch, English

1 Band, Softcover, 136x220 mm, 152 Seiten, 48 Seiten 4-farbig, Auflage 1500
CHF 28.- / € 20.-
ISBN 3-907474-05-8

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Material

Ausgewählte Webseiten

Festungen

Schweiz


AFOM – Artillerie Fort Magletsch (Schweiz): www.fdiv7.ch/festungen/afom
Artilleriewerk Vitznau (erstes Festungshotel der Schweiz): www.festung-vitznau.ch
Association de la ligne fortifiée de la Promenthouse: www.toblerones.ch
Festungsmuseum Heldsberg: www.festung.ch
Festungsmuseum Reuenthal: www.festungsmuseum.ch
Festungswachtkorps: www.vbs.admin.ch/internet/Heer/FWK/d/Index.htm
Fondation du Fort de Vallorbe (Pré-Giroud): www.vallorbe.ch/tourisme/visites/fort.html
Fondation Forteresse Historique de St-Maurice: www.forteresse-st-maurice.ch
Militärhistorische Stiftung Graubünden: www.festung-gr.ch
LONA – Forte Mondascia della linea di difesa: www.fortemondascia.ch
Militärhistorische Stiftung des Kantons Zug: www.mhsz.ch
Nidwaldner Museum, Festung Fürigen: www.nidwaldner-museum.ch
Pro Forteresse, Kanton Wallis: www.profort.ch
Stiftung Schwyzer Festungswerke: www.schwyzer-festungswerke.ch

Internationale Links- und Bibliographieliste (zusammengestellt von Martin Egger, Bern):

www.geocities.com/Pentagon/1630/fortifications.htm
www.geocities.com/Pentagon/1630/literature.htm

Vertiefungsmaterial und Ressourcen

BICC – Bonn International Center for Conversion: www.bicc.de
CDRPC – Centre de documentation et de recherche sur la Paix et les conflits: www.obsarm.org
CIDOB – Centre of International Relations and International Cooperation: www.cidob.org
Critical Art Ensemble: www.critical-art.net
GRIP – Groupe de Recherche et d’Information sur la Paix et la sécurité: www.grip.org
GSOA – Gruppe für eine Schweiz ohne Armee: www.gsoa.ch
Historisches Lexikon der Schweiz: www.hls.ch
PDA – Project on Defense Alternatives: www.comw.org/pda/index.html
Schweiz und der Zweite Weltkrieg (Nationales Forschungsprojekt NFP 42): www.geschichtsbildschweiz.ch
SIPRI – Stockholm International Peace Research Institute: www.sipri.se
UEK – Unabhängige Expertenkommission Schweiz-«Zweiter Weltkrieg»: www.uek.ch
UNIDIR – United Nations Institute for Disarmament Research: www.unidir.org
Virtual Library International Affairs Resources: www.etown.edu/vl
War and Informationtechnology (Watson Institute for International Studies):
www.watsoninstitute.org/infopeace/index2.cfm
War and TV: www.museum.tv/archives/etv/W/htmlW/warontelevi/warontelevi.htm

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ArtBunker
info-ät-artbunker.ch

Edizioni Periferia
http://www.periferia.ch

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